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Prävention: Suizid im Vorfeld verhindern

Selbsttötungen gehen meist psychische Erkrankungen wie Depressionen voraus. Werden sie früh erkannt und behandelt, lässt sich oft Schlimmeres verhindern
von Dr. med. Roland Mühlbauer, aktualisiert am 09.09.2016

Depressive Menschen brauchen oft Mitmenschen, die sie aufbauen

Thinkstock/Wavebreak Media

Professor Ulrich Hegerl ist Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Leipzig. Er erklärt den Zusammenhang zwischen Suiziden und Depressionen, und wie man frühzeitig gegensteuern kann:

Professor Hegerl, geht einem Suizid stets eine psychische Erkrankung wie eine Depression voraus?

Wenn man rückblickend bei Suizidopfern nachforscht, finden sich bei über 90 Prozent der Fälle Hinweise auf eine vorhergehende psychische Erkrankung. Bei psychisch Gesunden hat die Natur einen starken Riegel vorgeschoben: Selbst Menschen mit großen Problemen nehmen sich normalerweise nicht das Leben, wenn sie noch in der Lage sind, Hoffnung zu empfinden.

Was ist bei einer Depression anders?

Das Empfinden, es gäbe keinerlei Ausweg aus der aktuellen Lage, ist ein typisches Symptom von Depressionen. Dieses tiefe Gefühl der Hoffnungslosigkeit in Verbindung mit Schlafstörungen, übertriebenen Schuldgefühlen, tiefer Freudlosigkeit und Erschöpfung erzeugen einen hohen Leidensdruck. So entsteht der Wunsch, dieser unerträglichen Situation wie auch immer zu entkommen, bis hin zu den Gedanken, sich etwas anzutun.

Fällt die Entscheidung zu einem Suizid plötzlich, oder gibt es einen Vorlauf?

Das ist unterschiedlich. Bei manchen Menschen mit psychischen Erkrankungen kann der Entschluss zur Selbsttötung sehr spontan einschießen, so dass sie sofort versuchen, sich das Leben zu nehmen. Andere planen wochenlang ihren Suizid.

Alarmzeichen laut der Stiftung Deutsche Depressionshilfe

  • Suiziddrohungen und –ankündigungen: Entgegen mancher Vorurteile stimmt es nicht, dass sich Menschen, die von Suizid sprechen, nichts antun.
  • Große Hoffnungslosigkeit und Äußerungen wie:
 "Es hat ja doch alles gar keinen Sinn mehr ... ,irgendwann muss auch mal Schluss sein ..., es muss jetzt was passieren ... " sind bei depressiven Menschen ein Hinweis auf ernste Gefährdung.
  • Wenn Menschen anfangen, ihre Angelegenheiten zu ordnen und Abschied zu nehmen: Viele Menschen regeln vor einem Suizid Dinge, die ihnen wichtig erscheinen. Beispielsweise verschenken sie Wertgegenstände, setzen ihr Testament auf oder verabschieden sich von ihren Freunden und Verwandten. Wer fest zum Suizid entschlossen ist, wirkt oft ruhiger, gefestigter und weniger verzweifelt als vorher. Die Mitwelt kann zu dem trügerischen Schluss kommen, es gehe endlich wieder aufwärts mit dem depressiven Menschen.

Könnte man die meisten Suizide verhindern?

Tatsächlich sind in Deutschland im Lauf der letzten 30 Jahre die Selbsttötungen schon entscheidend zurückgegangen von über 18.000 vor 30 Jahren auf jetzt 10.000 pro Jahr. Der Hauptgrund dürfte sein, dass sich mehr psychisch Erkrankte Hilfe holen, und dass psychische Erkrankungen besser erkannt und behandelt werden.

Gibt es heutzutage mehr Depressionen als früher?

Dies kann verneint werden. In bevölkerungsbasierten Studien gibt es keinerlei Hinweise, dass Depressionen häufiger geworden sind. Es stimmt aber, dass heutzutage mehr Depressionen erkannt und mit Psychotherapie oder Antidepressiva behandelt werden.

Wen kann eine Depression treffen?

Die Krankheit kann nicht nur Menschen in schwierigen Lebenssituationen treffen. Die äußeren Faktoren werden überschätzt. Entscheidender ist oft, ob jemand die Veranlagung dazu hat. An einer Depression können also auch erfolgreiche Menschen erkranken, denen es objektiv gesehen gut geht.

Professor Ulrich Hegerl

dpa Picture-Alliance/Peter Endig

Sind bestimmte Altersgruppen besonders anfällig für Depressionen?

Von der Pubertät bis ins hohe Alter sind Depressionen häufige Krankheiten, in Deutschland leiden ungefähr drei Millionen daran. Es gibt aber keine großen Unterschiede, was das Alter angeht. Obwohl ältere Menschen ja wegen Verlusterlebnissen oft mehr Gründe hätten, depressiv zu sein.

Wie erkennen Angehörige, dass ein Mensch in ihrem Umfeld an Depressionen leidet?

Da gibt es einige Warnsignale: Der Mensch zieht sich zurück und lässt seine Hobbies ruhen. Er neigt zu Schuldgefühlen und äußert unter Umständen, er sei eine Belastung für seine Mitmenschen. Ihn quälen hartnäckige Schlafstörungen. Er isst nicht mehr richtig und verliert an Gewicht. Seine Stimme wird leiser, er will nichts mehr unternehmen und verliert auch das Interesse am Austausch von Zärtlichkeiten.

Was können Angehörige und Betroffene tun?

Zum Arzt gehen!

Und falls der Betroffene sich dazu nicht aufraffen kann?

Das ist ein großes Problem, dass die Menschen nicht mehr die Energie haben und auch keine Hoffnung haben, dass ihnen geholfen werden kann. Trotzdem sollten Angehörige immer wieder den Betroffenen zureden, zum Arzt zu gehen.

Welcher Arzt ist zuständig?

Zunächst der Hausarzt. Wichtig ist, dass der Patient ihm auch seine psychischen Beschwerden wie finstere Gedanken und Schuldgefühle mitteilt, nicht nur die körperlichen Symptome. Manche Depression versteckt sich hinter körperlichen Beschwerden wie Schlafstörungen, Verdauungsstörungen oder Kopfschmerzen, deshalb kann manchmal die psychische Ursache übersehen werden. Der Facharzt für psychische Erkrankungen ist der Psychiater oder Nervenarzt.

Wer behandelt die Patienten weiter?

Der Großteil der Behandlungen erfolgt durch die Hausärzte. Bei schwereren Depressionen sollte dann aber ein Facharzt hinzugezogen werden, also ein Psychiater oder Nervenarzt. Diese Ärzte entscheiden dann auch, ob im Einzelfall eine Psychotherapie, eine medikamentöse Behandlung oder beides sinnvoll ist.

Was sollen Angehörige tun, wenn der Angehörige eine akute Krise hat?

Entweder gleich mit ihm in eine Klinik fahren. Oder den Notarzt holen, oder auch die Polizei, wenn die Angst besteht, dass sich der Betroffene unmittelbar etwas antun will.

Was können Sie tun, wenn Sie einen akut suizidgefährdeten Menschen kennen? Tipps der Stiftung Deutsche Depressionshilfe

  • Sprechen Sie das Thema an! Wenn Sie den Verdacht hegen, dass ein Freund oder Angehöriger suizidgefährdet ist, sollten Sie ihn in ruhiger und sachlicher Weise direkt darauf ansprechen. Die Befürchtung, man könne dadurch den Suizid erst provozieren, ist falsch. In aller Regel stellt es für einen suizidgefährdeten Menschen eine Entlastung dar, mit einer anderen Person über die quälenden Gedanken sprechen zu können.
  • Versuchen Sie, professionelle Hilfe hinzuzuziehen!  Versuchen Sie sich nicht als Therapeut, sondern unterstützen Sie den Betroffenen, professionelle Hilfe zu suchen. Dies kann ein Arzt, ein Psychotherapeut oder eine Klinik sein.
  • Sorgen Sie für den Menschen! Zeigen Sie Ihrem Gegenüber, dass Sie ganz für ihn da sind. Übernehmen Sie in der akuten Situation Verantwortung für den anderen. Begleiten Sie die gefährdete Person zum Arzt oder in die Klinik. Nachts kann das die psychiatrische Notfallambulanz sein, aber auch der ärztliche Notdienst.

Welche weiteren Hilfsangebote gibt es?

Es gibt auch ein Infotelefon von der Stiftung Deutsche Depressionshilfe mit der Telefonnummer 0800 3344533. Unter www.diskussionsforum-depression.de betreibt sie auch ein Diskussionsforum, in dem Patienten und Angehörige ihre Erfahrungen austauschen, und das professionell moderiert wird.

Was möchten Sie den Lesern mit auf den Weg geben?

Depressionen sind generell gut behandelbar. Deshalb sollte man den Betroffenen unbedingt Mut machen, sich Hilfe zu holen!



Bildnachweis: Thinkstock/Wavebreak Media, dpa Picture-Alliance/Peter Endig

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